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Historische Spurensuche

Gibt es Rassismus gegen Weiße?

„Rassismus gegen Weiße“? Der Begriff sorgt für hitzige Debatten – doch wer ihn verwendet, verkennt oft die Geschichte. Warum Rassismus mehr ist als Diskriminierung und immer Machtverhältnisse spiegelt.

Von Donnerstag, 27.03.2025, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 30.03.2025, 17:37 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Immer wieder taucht in politischen und gesellschaftlichen Debatten die Behauptung auf, es gäbe „Rassismus gegen Weiße“. Warum empfinden es einige Menschen als problematisch oder irreführend, wenn Weiße sich über „Rassismus“ beklagen? Um das zu verstehen, müssen wir zunächst klären, wie Rassismus entstanden ist. Und wozu. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Rassismus kein natürliches Phänomen ist. Er wurde in bestimmten historischen Kontexten geformt, um bestehende Ungleichheiten zu legitimieren und Machtstrukturen zu sichern.

Kolonialismus und die Erfindung rassistischer Hierarchien

Mit der Eroberung Amerikas standen die Europäer vor einem moralischen Dilemma: Darf man indigene Völker versklaven? Eine der ersten großen Debatten dazu war der Disput von Valladolid (1550/51), in dem zwei Sichtweisen aufeinandertrafen:

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  • Bartolomé de Las Casas argumentierte, dass indigene Völker Rechte haben und nicht versklavt werden dürfen.
  • Juan Ginés de Sepúlveda vertrat die Ansicht, dass sie „natürliche Sklaven“ seien, da sie angeblich „unzivilisiert“ lebten.

„Rassismus war nie ‚zufällig‘, sondern diente als ökonomisches und politisches Werkzeug.“

Weil Indigene nach und nach als unrechtmäßige Sklaven betrachtet wurden, benötigten die Kolonisten neue Arbeitskräfte für Plantagen und Minen. Las Casas selbst schlug anfangs vor (später bereute er dies), afrikanische Sklaven als Alternative zu verwenden, da sie als widerstandsfähiger galten und nicht unter die Schutzbestimmungen der spanischen Krone fielen. Schwarze Afrikaner wurden als „minderwertig“ dargestellt, um ihre Versklavung zu legitimieren. Hier zeigt sich ein zentraler Punkt: Rassismus war nie „zufällig“, sondern diente als ökonomisches und politisches Werkzeug.

Rassismus als „Wissenschaft“: Die Ideologie des 18. und 19. Jahrhunderts

Obwohl die Aufklärung die Gleichheit aller Menschen propagierte, entwickelten europäische Wissenschaftler gleichzeitig „Rassentheorien“, um Sklaverei und Kolonialismus zu rechtfertigen:

  • Arthur de Gobineau (1853) postulierte die Idee „ungleichwertiger Rassen“.
  • James Hunt (1864) behauptete, Schwarze stünden evolutionär näher am Affen als Weiße.

Diese Konstruktionen dienten der Legitimierung von Herrschaft. Rassismus wurde nicht entdeckt – er wurde erfunden.

Kann es Rassismus gegen Weiße geben?

„Rassismus ist historisch und strukturell bedingt. Er entstand als System zur Rechtfertigung der Unterdrückung nicht-weißer Gruppen.“

Weiße können benachteiligt, ausgegrenzt oder feindselig behandelt werden, etwa durch Vorurteile in mehrheitlich nicht-weißen Gesellschaften. Auch reale Diskriminierung gegen Weiße existiert. Doch ist das gleichbedeutend mit „Rassismus“? Das Problem liegt in der Definition: Rassismus ist historisch und strukturell bedingt. Er entstand als System zur Rechtfertigung der Unterdrückung nicht-weißer Gruppen. Wer von „Rassismus gegen Weiße“ spricht, verkennt diesen historischen Kontext und riskiert, die tief verwurzelte Diskriminierung nicht-weißer Gruppen zu verharmlosen. Ein weiteres Problem: Der Begriff „Rassismus“ wird verwässert, wenn er auf jede Form von Diskriminierung ausgeweitet wird. Statt von „Rassismus gegen Weiße“ zu sprechen, wäre es präziser, von Feindseligkeit, Vorurteilen oder Diskriminierung gegenüber Weißen zu reden.

Der entscheidende Unterschied:

  • Weiße können trotz ihrer Hautfarbe diskriminiert werden.
  • Schwarze werden aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert – und oft mit struktureller Marginalisierung oder historischer Abwertung konfrontiert.

Fazit

Die Frage „Gibt es Rassismus gegen Weiße?“ führt oft zu hitzigen Debatten. Wichtig ist, den Begriff nicht inflationär zu gebrauchen. Ja, Weiße können Opfer von Diskriminierung werden. Aber Rassismus ist mehr als nur persönliche Feindseligkeit – er ist ein historisches Machtverhältnis.

Ein präziser Sprachgebrauch hilft, die eigentlichen Probleme klar zu benennen – und Rassismus in all seinen Formen besser zu bekämpfen.

Quellen
Aladin El-Mafaalani (2021): Wozu Rassismus?: Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand.
Pascal Blanchard (2021): Le Racisme en images: Déconstruire ensemble.
Natasha A. Kelly (2021): Rassismus. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen!

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