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Wahlzettel - Alternative für Deutschland (AfD) (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

„Überrascht mich nicht“

Bundestagswahl: 75 Prozent für die AfD

Die AfD gewinnt in Ostdeutschland die Bundestagswahl, mancherorts sehr deutlich. So etwa in Groß Luckow in Mecklenburg-Vorpommern – mit fast 75 Prozent, darunter überzeugte Rechtsextremisten. Den Bürgermeister überrascht es nicht. Doch es gibt auch eine rote Insel im blauen Meer.

Von Mittwoch, 26.02.2025, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26.02.2025, 10:19 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Eine gotische Kirche mit Wandmalereien, ein saniertes Gutshaus und das Gemeinde- und Feuerwehrzentrum – darauf ist die 200-Seelen-Gemeinde Groß Luckow in Mecklenburg-Vorpommern direkt an der brandenburgischen Grenze stolz, wie sie auf ihrer Website betont. Am Montag nach der Bundestagswahl fährt ein Traktorgespann durch den sehr aufgeräumt wirkenden Ort. Drei Wahlplakate von CDU, SPD und BSW sind zu sehen, doch triumphiert hat hier bei der Bundestagswahl eine andere Partei: Dreiviertel der gültigen Zweitstimmen entfielen auf die AfD. Rekord in Mecklenburg-Vorpommern, auch der NDR hatte darüber zuvor berichtet.

„Das überrascht mich nicht wirklich“, sagt Bürgermeister Robert Belz (parteilos) nach der Wahl. Schon bei vorhergehenden Wahlen habe die AfD Ergebnisse über 60 Prozent erreicht.

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74,7 Prozent für die AfD

Auf 74,7 Prozent ist die AfD dieses Mal gekommen. Demnach haben 71 Menschen in der Gemeinde ihr Kreuz bei der Rechtsaußen-Partei gemacht. Weit abgeschlagen kommt die CDU mit 10,5 Prozent auf den zweiten Platz. In ganz MV kam die AfD dem vorläufigen Endergebnis zufolge auf 35,0 Prozent der Stimmen, deutschlandweit laut vorläufigem Ergebnis auf 20,8.

Den AfD-Rekord für Brandenburg holt das Dorf Jämlitz-Klein Düben in der Lausitz: Dort an der Grenze zu Sachsen bekam die Partei 69,2 Prozent der Zweitstimmen.

In Groß Luckow erklärt Bürgermeister Belz den AfD-Rekord zumindest teilweise mit jungen Wählerinnen und Wählern. Es handele sich um eine sehr junge Bevölkerung. Junge Leute seien an der Wahlurne möglicherweise etwas sprunghafter und eher bereit, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Doch angesichts einer Wahlbeteiligung von 74,2 Prozent im Ort (95 gültige Stimmen) dürfte auch der eine oder andere ältere AfD-Wähler dabei gewesen sein.

Überzeugte Rechtsextremisten und chronisch Enttäuschte

„Wir haben immer noch die zwei großen Gruppen, die die AfD wählen“, sagt der Rostocker Politikwissenschaftler Wolfgang Muno. „Das sind einmal die überzeugten Rechtsextremisten, die das gut finden, dass die Partei am äußersten rechten Rand des Spektrums steht.“ Dieses Potenzial sei in Ostdeutschland größer als in Westdeutschland.

„Die zweite Wählergruppe, das sind die chronisch Enttäuschten, die sich abgehängt fühlen, benachteiligt fühlen, schlecht behandelt fühlen, die unzufrieden sind mit Parteien.“ Diesen Menschen mangele es an Vertrauen in den Staat und die Demokratie. Auch dieses Potenzial sei in Ostdeutschland größer als im Westen. Ein Blick auf den am Sonntag blau gefärbten Osten, der sich vom Rest der Bundesrepublik abhebt, scheint dies zu stützen.

Sorgen im ländlichen Raum

In Groß Luckow spielen nach Einschätzung des ehrenamtlichen Bürgermeisters bei der Entscheidung für die AfD Themen eine Rolle, die typisch für den ländlichen Raum sind. So komme etwa das Deutschlandticket städtischen Regionen zugute. Auf dem Dorf könne „man mit dem Ticket auf den Bus warten, der nicht kommt“.

Ein anderes Thema seien die erneuerbaren Energien. „Da kann ich mir zum Beispiel auch vorstellen, dass auch ältere Leute gesagt haben: ‚Früher, wenn ich in diese Richtung geguckt habe, da konnte ich bis zum Horizont gucken.‘“ Jetzt sehe man rings herum in fast allen Richtungen Windkraftanlagen. Den Menschen sei versprochen worden, der Strom werde günstiger. Im Vergleich zu anderen Regionen sei mitunter das Gegenteil der Fall.

AfD auch anderswo über 70 Prozent

Gleichzeitig stiegen die Spritkosten. „Man ist aber definitiv auf ein Auto angewiesen.“ In Groß Luckow gebe es keine Einkaufsmöglichkeiten, sagt der 37 Jahre alte Inhaber eines Computergeschäfts in Pasewalk. „Ich kenne keinen aus dem Dorf, der jemals ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, weil das einfach nicht möglich ist.“ Eine Ausnahme sei der Schülerverkehr. Die Menschen wünschten sich mehr Politik im Sinne des ländlichen Raums.

Von den Parteien der ehemaligen Berliner Ampel-Koalition erhielt nur die SPD in Groß Luckow überhaupt Stimmen, nämlich fünf (5,3 Prozent). FDP und Grüne erhielten keine Stimmen.

Laut Landeswahlleitung gab es am Sonntag zwei weitere Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern mit mindestens 70 Prozent AfD-Zweitstimmenanteil: Garz auf Usedom (73,0) und Wrangelsburg (Vorpommern-Greifswald, 72,9).

Rote Insel im blauen Meer – Ein Dorf in MV geht an die SPD

Auch sonst sieht Mecklenburg-Vorpommerns politische Landkarte nach der Bundestagswahl blau aus. Doch es gibt auch eine rote und einige schwarze Inseln. Eine ist das Dorf Kieve mit rund 140 Einwohnern am südlichen Rand des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte. Dort hat die SPD die meisten Zweitstimmen bekommen: 20,9 Prozent. Die AfD kam auf 19,8 Prozent, die CDU belegte mit 17,4 Prozent Platz drei.

Außerdem gibt es laut Landeswahlleitung drei Dörfer im Westen des Landes, in denen nach dem vorläufigen Ergebnis die CDU die meisten Stimmen bekam (Grieben, Thandorf, Pingelshagen). In Röckwitz (Mecklenburgische Seenplatte) lagen CDU und AfD demnach gleichauf.

Wie Kieves Bürgermeisterin sich das Wahlergebnis erklärt

Kieves Bürgermeisterin Christine Jantzen (parteilos) sieht mehrere Gründe für die Tatsache, dass vergleichsweise wenige in ihrem Dorf die AfD gewählt haben. Da sei zum einen der – letztlich gescheiterte – SPD-Bundestagskandidat Johannes Arlt, sagt sie. „Der kam immer wieder selbst in unser kleines Dorf, wenn es Probleme gab.“ Mal sei es um einen Funkmast gegangen, mal um eine Putenfarm. Arlt habe sich gekümmert. „Das zahlt sich aus, denke ich.“

Geld hat die Gemeinde nach den Worten ihrer Bürgermeisterin wenig, aber es ist enorm viel los für ein Dorf dieser Größe. Seit Jahren wird etwa um den 21. Juni ein „Weißes Dinner“ veranstaltet, mal auf der Gemeindewiese, mal am Strand des örtlichen Badesees, mal auf einer Pferdekoppel. „Wir bauen zwei Pavillons auf, stellen Biertischgarnituren rein und decken alles weiß ein“, schildert Jantzen. Das ganze Dorf sei eingeladen, etwas zu essen mitzubringen und sich weiß zu kleiden. „Dann sitzen alle beisammen, essen und reden miteinander.“ Die dorfeigene Band spiele auf einer Bühne aus Paletten mit einem Teppich darüber.

„Damit die Leute sich über den Weg laufen müssen“

Veranstaltungen wie diese habe sie seit ihrem Amtsantritt als ehrenamtliche Bürgermeisterin im Jahr 2014 forciert, damit die Menschen zusammenkommen. „Unsere Einwohnerschaft ist quasi dreigeteilt: Etwa ein Drittel sind Zugezogene aus Berlin, darunter viele Künstler, ein Drittel Alteingesessene und ein Drittel stammt grob gesagt aus der Region“, sagt die Bürgermeisterin, die ursprünglich aus der nahen Stadt Röbel stammt. „Man lebte teilweise in Paralleluniversen.“

Um das zu ändern, stelle das Dorf bewusst viel auf die Beine, „damit die Leute sich über den Weg laufen müssen“. Das Gros der Menschen im Ort schätze das auch sehr. „Wenn man miteinander ins Gespräch kommt, merkt man erst einmal, wie wenig man über den anderen weiß.“

Winterwanderung, Flohmarkt, Erntefest, Adventsmarkt – das neueste Projekt des Ortes ist eine Theatergruppe unter dem Motto „Immer wieder THEATER im Dorf“. Mit der Idee haben sie sich in einem bundesweiten Wettbewerb beworben, der die Menschen im ländlichen Räum wieder näher zusammenbringen will. Kieve ist einer von 100 Orten, die ausgewählt wurden, heißt es stolz auf der Internetseite der Gemeinde. Im Austausch wachse Verständnis füreinander, sagt die Bürgermeisterin und stellt doch auch klar: „Wir haben hier kein Bullerbü.“ Siebzehn Stimmen habe die AfD in Kieve bekommen. „Das sind aus meiner Sicht 17 zu viel“, sagt Jantzen. (dpa/mig) Aktuell Gesellschaft

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